PROLOG

 

 

 

Freiburg, 27. November 1944

 

Dieser Wintertag ist viel zu schön für Krieg.

Klara blickt zum Himmel. Die letzten Sonnenstrahlen streifen die Dächer der Häuser und die Dämmerung schluckt das Blau.

Über der Stadt kreisen Aufklärungsflieger der Royal Air Force. Klara erkennt sie an ihren roten Punkten. Das dumpfe, schaurige Geräusch der Motoren klingt wohlbekannt.

Die Mutter greift nach Klaras Hand. „Komm jetzt endlich, Klara! Wir müssen nach Hause.“

Ihr Ziel ist die Kartäuserstraße, gerade einmal eine halbe Stunde Fußweg – bei Alarm eine Ewigkeit. 

Zu Hause wartet der Vater mit Klaras kleiner Schwester Lotte. 

„Schneller, Klara. Was träumst du denn wieder?“ Ihre Mutter zerrt die Vierzehnjährige über die Adolf-Hitler-Straße in Richtung Münsterplatz. „Höchste Zeit, dass wir heimkommen.“

Klara stolpert über eine Ritze im Kopfsteinpflaster und fängt sich im letzten Augenblick ab. Eigentlich möchte sie lachen, weil sie so ungeschickt ist. 

Aber in diesen Zeiten lacht man nicht.   

Um sie herum verschwinden Menschen in Richtung Schlossberg zum Schutzbunker.

„Wenn du dich ein bisschen beeilst, schaffen wir es noch nach Hause“, sagt die Mutter und beschleunigt ihren Gang. 

Auf der Höhe der Schwabentorbrücke über der Dreisam heulen die Sirenen zum ersten Mal auf. Als sie endlich die Kartäuserstraße erreichen, ist es bereits stockfinster. 

Der Vater sitzt in der Küche und raucht. Die Vorhänge sind zugezogen. Eine flackernde Kerze spendet Licht. Lotte spielt auf dem Boden mit einer Puppe. 

Das war ein ganz normaler Alarm, denkt Klara. 

„Wir müssen sofort in den Keller“, drängt die Mutter, holt die Notfallration aus dem Küchenschrank und zieht Lotte das abgetragene Mäntelchen von Klara an. Mit zitternden Händen packt sie anschließend eine Kerze und Streichhölzer ein. 

Klara bleibt stehen, als seien ihre Füße mit dem Boden verwachsen. Ein ganz normaler Alarm

Im Flur stehen die Schuhe in Reih und Glied für alle bereit, so als warteten sie wie kleine Soldaten auf ihren Einsatz. Warme Kleidung hängt am Haken. Mütze. Schal. Handschuhe. 

Sie kennt diesen Ablauf auswendig, doch in diesem Moment, da Klara ihren Schal zubindet, kommt die Angst. Sie setzt sich in ihrer Kehle fest, umklammert ihr Herz.

„Klara“, mahnt die Mutter. „Komm endlich!“

Der Vater öffnet die Wohnungstür und humpelt mit dem Gepäck voran zur Kellertreppe. Ein stabiler Keller mit Eisenträgern. 

Lotte streckt Klara ihre kleinen Hände entgegen und schaut sie mit großen Augen an. 

„Huckepack“, sagt sie und macht einen Kussmund. 

Klara bückt sich und nimmt das Kind auf den Arm. Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzieht, schwillt das Geräusch der sich nähernden Flieger an. Klara spürt das Brummen am ganzen Körper, stärker als je zuvor. 

Es sind mehr Flieger als sonst. Viel mehr.

Vor der Eingangstür bleibt sie stehen und hält den Atem an. 

Durch eine kleine Fensterscheibe sieht sie ein grelles Licht, so grell, dass es blendet. Leuchtraketen!

Die Bäuche der schweren Flugzeuge scheinen die Dächer der Häuser zu berühren, so tief fliegen sie. 

Der ganze Himmel ist beleuchtet. 

„Vom Himmel fallen Christbäume“, sagt Lotte und zeigt mit dem Finger auf das schauderhafte Schauspiel, das draußen zu sehen ist. 

Wie hypnotisiert starrt Klara hinaus. 

„Guck nur“, sagt Lotte. „Der Weihnachtsmann.“ 

„Nicht hinsehen“, befiehlt Klara und drückt ihre kleine Schwester dicht an sich. 

Sie zwingt sich, ihren Blick vom glühenden Himmel abzuwenden, und läuft die Stufen hinunter zu den anderen. 

„Du tust mir weh“, jammert Lotte und beginnt zu weinen.

Alle Bewohner des Hauses haben sich bereits im Keller auf ihren Plätzen eingefunden. Die Mutter nimmt Klara das Kind ab und schaukelt es hin und her. 

Klaras Blick geht über die Köpfe der Schutzsuchenden. Die vielen Fliegeralarme haben die Hausgemeinschaft gelehrt, aufeinander zu achten. Jeder zählt, ob alle da sind. 

Aber heute kann Klara nicht zählen. Sie hat die Zahlen vergessen.

Die Sirenen heulen zum Hauptalarm, gefolgt vom dumpfen tiefen Brummen der Bomber. So unerträglich laut, das Trommelfell will ihr platzen. 

Die Erde bebt. 

Klara drückt ihre flachen Hände gegen die Ohren und kauert sich neben ihre Mutter. Als die Bomben fallen, sieht sie Angst und Entsetzen in den Gesichtern, die bei jeder Erschütterung im Kerzenlicht aufflackern.

Die Frau vom zweiten Stock sitzt in der Ecke auf ihrem Stammplatz, die Beine angezogen, das Kinn auf die Knie gestützt. Dabei schaukelt sie mit leeren Augen hin und her. 

Ihre Lippen zittern. 

Das muss das Ende sein. 

„Heilige Maria, bitte für uns Sünder“, dringt das monotone Flüstern der Mutter an Klaras Ohr. 

Längst schon betet sie nicht mehr zum Vater im Himmel, sondern bemüht den Schutz der heiligen Mutter Gottes. 

„Diesmal machen sie uns kaputt“, presst der Vater hervor.

„Das ist das Jüngste Gericht“, stammelt eine andere Frau.

Klara wird diese Nacht für immer in Erinnerung behalten. Die Nacht, in der sie vergessen hat, wie man zählt. 

Irgendwann, nachdem es ruhig geworden ist, gehen sie gemeinsam nach oben. Einem Wunder gleich steht ihr Haus noch. Ihre Straße hat nicht einmal einen Steinschlag abbekommen. Aber ihre Heimatstadt, so wie sie Freiburg kannten, ist ausgelöscht. 

Die Mutter bekreuzigt sich mehrmals. „Maria, Mutter Gottes, im Himmel, ich danke Dir.“

Ohne nachzudenken, läuft Klara Richtung Innenstadt. 

„Bleib hier“, ruft die Mutter hinter ihr her. 

Aber Klara geht wie eine Traumwandlerin weiter. 

In der Ferne sieht sie brennende Straßen. Der scharfe Rauchgeruch setzt sich in den Lungen fest und verursacht Hustenreiz. 

Trotz tiefster Nacht ist die Stadt hell erleuchtet. Feuer. Rauchschwaden. Heulende Sirenen. Und Stimmen. Menschen laufen schreiend durch qualmende Ruinen. Einige bleiben unvermittelt stehen und weinen. 

„Sie sind alle tot“, schluchzt eine Frau mit einem Bündel auf dem Arm. 

Es ist ein Säugling. Klara wagt nicht hinzusehen, ob er lebt. 

Aus den heruntergerissenen Gebäudefassaden hängen die Fetzen einstiger Träger. Nur das Freiburger Münster steht wie ein Wächter beinahe unversehrt auf dem Marktplatz, umgeben von brennenden Häusern. Dass das Gebäude noch da ist, tröstet Klara für einen Augenblick wie die unerwartete Umarmung eines Fremden. 

Wie in Trance steuert sie den Schlossberg an, läuft zu ihrem Kindheitsort hinauf, als könne sie nur so all den schrecklichen Bildern entfliehen. 

Auf halber Höhe blickt sie hinab auf die immer noch brennende Altstadt. Die Sirenen der Löschfahrzeuge hallen zu ihr hinauf. 

Sie weiß nicht, wie lange sie dort verharrt, aber sie bleibt einfach stehen, hört menschliche Laute neben und hinter sich, Weinen, Schreie, Wimmern. All diese Menschen leihen Klara ihre Stimme, denn sie bleibt stumm.

Dann plötzlich entdeckt sie etwas Helles unten auf der Straße, das sich bewegt. 

Sie stutzt, reibt sich die Augen, wartet, bis das Bild in ihrem Kopf ankommt. 

Ihr ist, als schwirrten kleine Glühwürmchen über dem Boden. Oder sind es Engel in Nachthemden?

Kinder, denkt Klara und spricht laut aus: „Kinder!“

Ihre eigene Stimme klingt fremd und kalt. 

Es müssen herumirrende Kinder aus dem naheliegenden Waisenhaus sein.