Leas Spuren

 

"Das Leben kann so verführerisch sein, man denkt, ich hab' etwas, ich bin etwas, aber das vergeht."

 

Jehuda Bacon, Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. 

  

 

 

Prolog 

 

Paris, 17. August 2016

 

 

 

Er war in Paris geblieben. Genau wie damals vor über siebzig Jahren. Seinem inneren Kompass zu folgen, war zeitlebens seine Devise gewesen. Im elften Arrondissement, nahe dem Viertel Belleville, wo das widerspenstige Herz der Stadt schlug, lag sein Appartement.

Er warf einen Blick in den Salon, in dem die Bücherregale überquollen. Er würde die Putzfrau bitten, gründlich abzustauben. Vielleicht würde er ein paar Sachen wegwerfen müssen. 

Loslassen. 

Das Schlagen der Wanduhr riss ihn aus seinen Gedanken. Schon drei Uhr. 

Er hasste Verspätungen.

Vor dem Spiegel prüfte er seine Erscheinung. Dank seiner großen, schlanken Statur waren ihm die Lebensjahre nicht anzusehen. Er strich einen Fussel vom Kragen seines Jacketts und rückte die Krawatte zurecht. Er ging ohne weiteres als Endsiebziger durch. Das lag vor allem an seinem aufrechten Gang und seiner überaus korrekten Kleidung. 

Obwohl er längst nicht mehr rauchte, steckte er aus alter Gewohnheit sein Feuerzeug in die Jackentasche.

Vor seiner Haustür schlug ihm die Augusthitze mit voller Wucht entgegen, als stünde er vor einer zähen durchsichtigen Wand. Einen winzigen Moment erwog er, seinen Besuch zu verschieben. Er verwarf den Gedanken so schnell wie er gekommen war. 

Mit fünfundneunzig durfte man nichts mehr aufschieben. 

Mechanisch sah er auf seine Armbanduhr, umklammerte seine Tasche und ging die Straße entlang. Der Hitze wegen machte er deutlich kleinere Schritte als sonst. 

Seine Atmung ging so schnell, als sei er gerannt. An der Straßenecke blieb er stehen und schnappte nach Luft. Sein Herz hämmerte in seinem Brustkorb. Er zwang sich, gleichmäßig zu atmen, schloss die Augen, öffnete sie wieder. 

In der Ferne konnte er das Tor bereits sehen, in das eine graue hölzerne Doppeltür eingebaut war. Graugrün. 

Er bündelte seinen ganzen Willen gegen den aufkommenden Schwindel, gegen die drohende Ohnmacht, den Verlust von Kontrolle. Vor seinen Augen verschwamm die Holztür und ihm war als ob die Hauswände taumelten. 

Nicht weit von hier musste der kleine Park liegen, jener, den er so oft am Abend besucht hatte. Früher mit ihr. Wie lange war das her? Jahrzehnte. Und doch schien es ihm in diesem Moment, als sei es gestern gewesen. Die Erinnerung löste die Sehnsucht und Vorfreude von einst in ihm aus. 

Mit Bedacht erreichte er die Tür und war überrascht, dass sie sich mühelos öffnen ließ. Er fand sich unter einem hohen Gewölbe wieder, wo ein kühler Luftzug ging. Links von ihm Briefkästen. Er zählte: Wo einst dreihundert Menschen gelebt hatten, gab es jetzt noch fünfunddreißig Wohneinheiten. 

Der Innenhof beherbergte einen kleinen mit gusseisernen Stäben eingezäunten Garten. Dunkelgrüner Efeu wucherte an einer der Hauswände bis ins zweite Stockwerk hinauf. Drei Eingänge führten zu den Häusern B, C und D. Die der Straße zugewandte Seite bildete die A, die einst bevorzugte Wohnseite. Wie sich die Zeiten geändert hatten! 

Er sah sich um - irgendwo musste die Loge der Concierge sein. Als er seinen Kopf drehte, wurde ihm schwindelig. Es folgte ein stechender Schmerz an der rechten Schläfe. Ihm war, als rebellierte jede seiner Zellen. 

War es so, wenn es zu Ende ging?

Nein. Er würde noch nicht abtreten. 

Nicht, bevor er den Grund seines Ausflugs an jenem glühend heißen Sommertag erledigt hatte. 

Er zerrte an seinem Krawattenknoten, lockerte den Kragen und riss dabei den obersten Knopf seines Hemdes ab. Der Perlmuttknopf flog durch die Luft und kullerte auf den abgetretenen Steinboden.

Erschöpft lehnte er seinen Körper gegen die kühle Wand und starrte auf die vielen Namen auf den Klingelschildern. Die Buchstaben schienen in der Hitze zu schmelzen. Wie war der Name? Er konnte sich nicht erinnern. 

Er registrierte einen kleinen Vorbau. War das die Concierge-Loge? Seine Knie wurden weich. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er fiel zu Boden. 

Auf einmal wurde es ganz still in ihm. 

Er spürte etwas Hartes unter seinem Hinterkopf und eine warme Flüssigkeit. Geruch von Eisen oder Kupfer. Blut. 

Er blinzelte. 

Über ihm ein Stück Himmel. Aus einer Wohnung klangen Klaviertöne. Eine alte Melodie tanzte auf den Blättern der Kastanie. Hinter seinen geschlossenen Lidern sah er durch das Geäst das Spiel von Licht und Schatten. Im Takt eines ihm vertrauten Chansons. 

Que reste-t-il de nos amours? – Was bleibt von unseren Lieben?

Diese Melodie hatte er tausendmal gehört.

Ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ruhe durchströmte seinen Körper und eine unbekannte Macht legte seinem Herz Flügel an, um davonzufliegen. 

 

Es heißt, im Sterben ziehe das Leben in Windeseile an einem vorbei. Bei Victor war es, wie das meiste in seinem Leben, anders. Er erlebte eine Zeitlupe. Eine, die sich noch Tage hinziehen sollte. 

Victor wollte etwas sagen. Zu der Ärztin, die sich über ihn beugte, zu den Sanitätern, die ihn auf eine Bahre legten. Etwas Wichtiges. In dem Areal seines Gehirns, zuständig für verloren gegangene Menschen und Dinge, herrschte Chaos. Leitungen blockierten, Synapsen versagten ihren Dienst. 

Ich muss etwas erledigen. Jetzt sofort. Ich bin nicht tot.

„Ihr Name, Monsieur? Können Sie mir Ihren Namen sagen?“

„Victor Blanc.“

Er war nicht tot. Gerade hatte er seine eigene Stimme gehört. Mit einem tiefen Atemzug schloss er seine Augen und fühlte - Freiheit. Eine Freiheit wie mit zwanzig. Eine Freiheit, die nichts von der Endlichkeit wusste. Bilder seiner Jugend kamen ihm in den Sinn.

Nichts, er hatte nichts vergessen. 

Keine einzige seiner Sünden.

In der glühenden Augusthitze des Jahres 2016, auf dem Boden im Innenhof eines Pariser Wohnhauses, begegnete Victor seinem Leben ein zweites Mal. 

Seiner Familie an einem Frühlingstag beim Essen auf dem Land. Seiner ersten Gerichtsverhandlung. Dem Examen seines Sohnes. Der Einschulung seines Enkels. 

Seiner Pariser Wohnung. 

Seiner großen Liebe. 

Seiner Schuld.